Futurismus
Geschichte
„Wir hatten die ganze Nacht gewacht, meine Freunde und ich, unter den Moscheeampeln mit ihren durchbrochenen Kupferschalen, sternenübersät wie unsere Seelen und wie diese bestrahlt vom eingefangenen Glanz eines elektrischen Herzens. Lange haben wir auf weichen Orientteppichen unsere atavistische Trägheit hin und her getragen, bis zu den äußersten Grenzen diskutiert und viel Papier mit irren Schreibereien geschwärzt.“ - so beginnt das erste futuristische Manifest F. T. Marinettis (1876-1944). Vor hundert Jahren erschien in Paris, in der konservativen Tageszeitung Le Figaro, das erste futuristische Manifest, verfasst vom wohlhabenden Bürgerssohn F. T. Marinetti. In elf programmatischen Punkten propagiert Marinetti hier eine neue, alle Lebensbereiche umfassende Kultur. Seine Thesen richten sich gegen alle künstlerischen Traditionen. Die Bezeichnung Futurismus ist nicht neu: bereits 1903 war eine Schrift des katalanischen Autors Gabriel Alomar unter dem Titel "El Futurismo" in Barcelona erschienen. Warum das futuristische Manifest in einer französischen Zeitung erscheint, liegt in der Biographie des 1876 in Ägypten als Sohn italienischer Eltern geborenen Marinetti begründet. Er besucht die Schule der französischen Jesuiten in Alexandria, macht das Abitur in Paris und studiert dann Jura in Pavia und Genua auf Wunsch seines Vaters, einem Advokat. Eigentlich aber fühlt er sich zur Literatur hingezogen. 1899 gewinnt er einen Lyrikwettbewerb in Paris. Nach dem Studium zieht er zurück in die französische Hauptstadt, wo er für Literaturzeitschriften arbeitet und schließlich auch Artikel und Reportagen in den großen Tageszeitungen wie dem Figaro veröffentlichen kann. Soweit etabliert zieht er nach Mailand. Nach Paris und London findet die erste Futuristen-Ausstellung in Deutschland 1912 in Berlin, in der Galerie „Der Sturm“ von Hermann Walden statt, wo bereits Ausstellungen der Expressionisten und der Künstler des Blauen Reiter zu sehen waren . F. T. Marinetti und Umberto Boccioni sind persönlich in Berlin anwesend, bringen Leben in das Berlin der Kaiserzeit, diskutieren im Weinlokal an der Potsdamer Brücke, verteilen Unter den Linden mit dem Ruf "Viva il Futurismo!" Flugblätter aus dem offenen, fahrenden Auto, beeindrucken Kunstwelt und -sammler. In Berlin begegnet ihnen Alfred Döblin (1878-1957), der in seinen Romanen wie „Berlin Alexanderplatz“ futuristische Stilelemente aufgreift. Franz Marc (1880-1916), Mitglied des Blauen Reiters, zitiert, im „Sturm“, aus futuristischen Verlautbarungen und stellt dann fest, dass es den Künstlern vorzüglich gelungen sei, Dinge wie "die Macht der Straße, das Leben, den Ehrgeiz, die Angst, die man in der Stadt beobachten kann, das erdrückende Gefühl, das der Lärm verursacht" zu malen. "Carrà, Boccioni und Severini", so Marc, "werden ein Markstein der Geschichte der modernen Malerei sein. Wir werden Italien noch um seine Söhne beneiden und ihre Werke in unseren Galerien aufhängen." Die Ausstellung wandert durch halb Europa. Ziel der Futuristen: Die Beteiligung aller Künste an der Konstruktion einer neuen Ästhetik des Alltäglichen. Die Vergangenheit sollte überholt werden von neuen Formen der Kunstäusserung. Maschinen und Geschwindigkeit, Flugzeuge, Autos und schliesslich auch der Krieg – als Entwicklung zu etwas Neuem, Menschheits-Bewegendem - wurden von den Futuristen vergöttert. Dieses Verständnis steht dem Passativismus, dem Klassizismus gegenüber, wie er im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg in Italien vorherrscht. „Schon zu lange ist Italien ein Markt von Trödlern“ heisst es im ersten Futuristischen Manifest: „Wir wollen es von den unzähligen Museen befreien... Museen: absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig wild mit Farben und Linien entlang der umkämpften Ausstellungswände abschlachten!“
Literatur, Kunst, Musik und Politik
1905 gründet Marinetti die Zeitschrift „Poesia“, eine internationale Zeitschrift für Lyrik, in der vor allem italienische und französische Autoren veröffentlicht werden und die sich am Symbolismus orientiert. 1908 - bei einem Rezitationsabend im damals österreichischen Triest , bei dem er auch seine „Ode an ein Automobil“ vorträgt - bekennt Marinetti sich als Italiener. Hier zeigt sich deutlich – wie auch bei den folgenden Wahlen in Italien - die politische Entwicklung des Futurismus als Pan-Italianismus. Ein neues Menschheitsbild soll entstehen, ausgehend von Italien. „Von Italien aus", schreibt Marinetti am 20.2.1909 im Figaro, "schleudern wir unser Manifest voll mitreißender und zündender Heftigkeit in die Welt, mit dem wir heute den ‚Futurismus' gründen, denn wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien....“ Das Manifest endet mit dem Ausruf: „Aufrecht auf dem Gipfel der Welt, schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu!" Das Manifest wird bei einem von Skandalen begleiteten Auftritt in einem Mailänder Theater auch von italienischen Künstlern wahrgenommen: Umberto Boccioni und Luigi Russolo. War der Futurismus bis jetzt eine Sache der Literaten, so kommen diese beiden nun auf die Idee, dass auch sie Futuristen werden könnten. Gemeinsam mit ihrem Freund Carlo Carrà verfassen sie Ende Februar 1910 ein Manifest, in dem sie "für alles, was jung, neu und voller Leben ist" eintreten, für eine Kunst, die sich "an den greifbaren Wundern des zeitgenössischen Lebens" inspiriert, "an dem eisernen Netz der Geschwindigkeit, das die Erde umspannt, an den Überseedampfern, den Dreadnoughts, den wunderbaren Flügeln, die die Lüfte durchziehen, den von Finsternis umgebenen Unterseebooten und dem angespannten Kampf um die Eroberung des Unbekannten." Die "feige Faulheit", das "ekelerregenden Wiederaufblühen eines blöden Klassizismus", die "Malerei für Rentenempfänger", die "schlampigen und dummen Illustratoren", die "impotenten Sommerfrische-Maler" lehnen sie ab. Das Manifest wird sofort in grosser Auflage verbreitet und in einem Theater in Turin von Boccioni vorgetragen. Im April 1910 entsteht das „Technische Manifest“: „Alles bewegt sich, alles fließt, alles vollzieht sich mit größter Geschwindigkeit“ - heisst es darin: “Eine Figur steht niemals unbeweglich vor uns, sondern sie erscheint und verschwindet unaufhörlich. Durch das Beharren des Bildes auf der Netzhaut vervielfältigen sich die in Bewegung befindlichen Dinge, ändern ihre Form und folgen aufeinander wie Schwingungen im Raum. […] Um eine Figur zu malen, ist es nicht nötig, sie nachzubilden; ihre Atmosphäre muss wiedergegeben werden.“ 1911 wird die erste grosse Futuristenausstellung in Mailand gezeigt. Bilder entstehen mit Titeln wie „Der Strassenlärm durchdringt das Haus“ (Boccioni, 1911), „Geschwindigkeit eines Automobils“ (Giacomo Balla, 1910), „Dynamismus eines Fussballers“ (Boccioni, 1913), „Mädchen, das über einen Balkon läuft“ (Balla, 1912/13), „Bildnerischer Dynamismus der simultanen Bewegungen einer Frau“ (Russolo, 1913). Mit seiner "Urformen"-Skulptur: „Urformen der Bewegung im Raum“ von 1913 versucht Boccioni gleichzeitig die unmittelbare Vergangenheit und die unmittelbare Zukunft einer Bewegung darzustellen sowie das gegenseitige Durchdringen von Objekt und Umgebung, das dabei entsteht. Die Figur zeigt einen Übergang zwischen Mensch und Maschinentechnik. Auch in der Musik findet sich der Futurismus wieder. Luigi Russolo erfindet die "Geräuschmusik" und versucht, die verschiedenen von Maschinen und vom modernen Leben hervorgebrachten Klänge harmonisch und rhythmisch zu ordnen. (Musikbeispiele) Es entsteht eine neue Tanzform, deren Bewegungen denjenigen von Piloten in Flugzeugen nachempfunden ist. Kulissen und Kostüme werden futuristisch gestaltet. Im Futuristischen Theater wird - als Happening - das Publikum miteinbezogen. In „Das Varieté“ von 1913 schreibt Marinetti: „Man muss die Überraschung und die Notwendigkeit zu handeln unter die Zuschauer des Parketts, der Logen und der Galerie tragen. Hier nur ein paar Vorschläge: ... Ein und derselbe Platz wird an zehn Personen verkauft, was Gedrängel, Gezänk und Streit zur Folge hat. – ... Die Sessel werden mit Juck- und Niespulver usw. bestreut.“ 1913 veröffentlicht Marinetti sein Manifest "Zerstörung der Syntax – Drahtlose Phantasie – Befreite Worte". Die Syntax, so Marinetti, muss gesprengt werden: Wenn der Satz in seine einzelnen Bestandteile zerlegt ist, kann das Wort befreit werden. Auf Satzzeichen verzichtet man ganz, oder man ersetzt sie durch Zeichen aus der Musik und der Mathematik. Bevorzugt verwendet man das befreite Substantiv, das Verb im Infinitiv, Lautmalereien. Man soll Substantive zusammenstoßen lassen, weil das schneller und effektiver ist, mit dem Ziel, die Kontinuierlichkeit des Lebens zu vermitteln. Aus einem logischen Gedankenablauf wird eine Folge von Gefühlen oder Bildern. Ähnliches findet sich auch in Döblins Romanen wie „Berlin Alexanderplatz“ wieder. Dass die Futuristen die Überraschung, die Schockwirkung und die Kürze mögen, zeigt sich in Francesco Cangiullos "Detonation" von 1916: Der Vorhang hebt sich. Man sieht eine menschenleere Straße. Eine Minute lang passiert gar nichts. Alles ist totenstill. Dann fällt ein Schuss. Der Vorhang senkt sich.
Neues Menschenbild und Faschismus
1910 erscheint Marinettis Roman „Mafarka“. Darin geht es um Antihumanismus, die Schaffung eines "neuen Menschen" durch seine Verschmelzung mit der Maschine, das Schlachtfeld als einem erotischen Ort, den bedingungslosen Willen zur Macht, die Umwertung aller Werte, die Strukturierung einer Gesellschaft nach militärischen Gesichtspunkten, den Krieg als "Hygiene der Welt", wie es später im ersten Futuristischen Manifest heißt, die gleichzeitige Todesverachtung und das Verliebtsein in den Tod. Es erinnert an Stummfilmepen, an die Filme von Fritz Lang. Es erinnert auch an Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“. Am Ende seines Vorworts zu „Mafarka“ erklärt Marinetti, dass "die Stunde nahe ist, in der Männer mit hohen Schläfen und stählernem Kinn auf wunderbare Weise, mit einer einzigen Anstrengung ihres aus den Augenhöhlen getretenen Willens, unfehlbare Riesen schaffen werden … " Das geht scheinbar nur durch Selbstaufopferung . Der moderne Zentaur, genährt aus "Feuer, Hass, Schnelligkeit", ist offenbar nur als Kampfmaschine denkbar. Damit tritt bei Marinetti bereits der Übermensch der Nationalsozialisten auf. Der Erste Weltkrieg wird von den Futuristen euphorisch begrüsst. 1914 erscheint ihr Manifest „Italienischer Stolz“. Der Krieg ist geprägt von modernster Waffentechnik und für Nachrichtenübermittlung und Transport dienstbar gemachter Technologie. Die von den Futuristen verherrlichte Schnelligkeit triumphiert auf eine Weise, wie auch sie sich das nicht vorgestellt haben. Tausende von Menschen kommen im Krieg um. In Marinettis „Technischem Manifest der Futuristischen Literatur“ heisst es 1912: „Mit Hilfe der Intuition werden wir die scheinbar unbeugsame Feindschaft besiegen, die unser menschliches Fleisch vom Metall der Motoren trennt. Nach dem Reich der Lebewesen beginnt das Reich der Maschinen. Durch Kenntnis und Freundschaft der Materie, von der die Naturwissenschaftler nur die physikalisch-chemischen Reaktionen kennen können, bereiten wir die Schöpfung des MECHANISCHEN MENSCHEN MIT ERSATZTEILEN vor.“ In der grausamen Realität des Krieges richten technisch hochentwickelte Waffen Verwüstungen am menschlichen Körper in einem noch nie erlebten Ausmaß an. Nach dem Krieg schliessen sich diejenigen Überlebenden, die sich noch immer zum Futurismus bekennen, den faschistischen Kampfbünden an. Severini, Balla und Russolo gehören nicht dazu. Boccioni ist 1916 bei einer militärischen Übung gefallen. Spannungen gegenüber den Faschisten treten auf, da Marinetti zwar die Republik, den Parlamentarismus und die liberale Gesellschaftsordnung ablehnt, aber – entgegen der Meinung Mussolinis - für einen von Künstlern regierten Staat ohne Polizei und Gefängnisse eintritt. Dennoch bleiben Marinetti und Mussolini Freunde und Verbündete. 1924 gibt Marinetti den "meinem lieben und großen Freund Benito Mussolini" gewidmeten Sammelband „Futurismo e Fascismo“ heraus. 1929 wird er zum Mitglied der Akademie Italiens ernannt. 1934 wird er mit den Futuristen auf der Biennale in Venedig ausgestellt. In Venedig, von dem er 1909 "kleine, stinkende Kanäle", "lepröse Paläste" und "das von seiner alten Größe abgefallene venezianische Volk“ wahrgenommen hat, „morphiniert von einer ekelerregenden Feigheit und durch die Gewöhnung an seine miesen kleinen Geschäfte erniedrigt". 1909 im ersten „Futuristischen Manifest“ schreibt Marinetti: „Unsere Nachfolger ... werden uns alle lärmend umringen, vor Angst und Bosheit keuchend, und werden sich, durch unsere stolze, unermüdliche Kühnheit erbittert, auf uns stürzen, um uns zu töten, und der Haß, der sie treibt, wird unversöhnlich sein, weil ihre Herzen voll von Liebe und Bewunderung für uns sind. ... Kunst kann nur Heftigkeit, Grausamkeit und Ungerechtigkeit sein. ... Aufrecht auf dem Gipfel der Welt schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu! ...“ 1934 begegnen sich Marinetti – als Ehrengast - und Gottfried Benn – als Redner - bei einem Bankett der Union nationaler Schriftsteller in Berlin. Marinetti hat den Nationalsozialisten den Weg geebnet.
Futurismus Ausstellung 2009 in Berlin
Im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung des Jahres 2009 „Sprachen des Futurismus. Literatur. Malerei. Skulptur. Musik. Theater. Fotografie“ im Martin-Gropius-Bau steht eine Darstellung jenes Gesamtkunstwerks des Futurismus. Nach einer Einführung, die sich an den gravierenden Veränderungen in der Malerei orientiert, die von der historischen Kerngruppe der Futuristen um Boccioni, Balla, Severini, Russolo, Soffici und Carrá vertreten werden, liegt der Schwerpunkt der Ausstellung auf jenen Innovationen, die nach 1916 eine neue und kreative Epoche des Futurismus kennzeichnen. Maler wie Severini, Balla, Depero, Prampolini, Crali, verleihen – mit Unterstützung und Zustimmung Marinettis -, öffnen der künstlerischen Aktion den Weg zu einem experimentellen Umgang mit den Sprachen von Kunst, Poesie, Literatur, Innenarchitektur, Mode, Design, Fotografie und Bühnenbild. In der Ausstellung wird eine Auswahl von Werken gezeigt, die das Gefühl dieser „Ausdehnung“ der ästhetischen Dimension auf das Leben und die „Grenzüberschreitungen“ der verschiedenen künstlerischen Disziplinen darstellen. Die Ausstellung basiert auf der Sammlung des größten Futuristenarchivs, das sich im Museo dÁrte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto befindet. Weitere Informationen unter: www.gropiusbau.de
„Wir hatten die ganze Nacht gewacht, meine Freunde und ich, unter den Moscheeampeln mit ihren durchbrochenen Kupferschalen, sternenübersät wie unsere Seelen und wie diese bestrahlt vom eingefangenen Glanz eines elektrischen Herzens. Lange haben wir auf weichen Orientteppichen unsere atavistische Trägheit hin und her getragen, bis zu den äußersten Grenzen diskutiert und viel Papier mit irren Schreibereien geschwärzt.“ - so beginnt das erste futuristische Manifest F. T. Marinettis (1876-1944). Vor hundert Jahren erschien in Paris, in der konservativen Tageszeitung Le Figaro, das erste futuristische Manifest, verfasst vom wohlhabenden Bürgerssohn F. T. Marinetti. In elf programmatischen Punkten propagiert Marinetti hier eine neue, alle Lebensbereiche umfassende Kultur. Seine Thesen richten sich gegen alle künstlerischen Traditionen. Die Bezeichnung Futurismus ist nicht neu: bereits 1903 war eine Schrift des katalanischen Autors Gabriel Alomar unter dem Titel "El Futurismo" in Barcelona erschienen. Warum das futuristische Manifest in einer französischen Zeitung erscheint, liegt in der Biographie des 1876 in Ägypten als Sohn italienischer Eltern geborenen Marinetti begründet. Er besucht die Schule der französischen Jesuiten in Alexandria, macht das Abitur in Paris und studiert dann Jura in Pavia und Genua auf Wunsch seines Vaters, einem Advokat. Eigentlich aber fühlt er sich zur Literatur hingezogen. 1899 gewinnt er einen Lyrikwettbewerb in Paris. Nach dem Studium zieht er zurück in die französische Hauptstadt, wo er für Literaturzeitschriften arbeitet und schließlich auch Artikel und Reportagen in den großen Tageszeitungen wie dem Figaro veröffentlichen kann. Soweit etabliert zieht er nach Mailand. Nach Paris und London findet die erste Futuristen-Ausstellung in Deutschland 1912 in Berlin, in der Galerie „Der Sturm“ von Hermann Walden statt, wo bereits Ausstellungen der Expressionisten und der Künstler des Blauen Reiter zu sehen waren . F. T. Marinetti und Umberto Boccioni sind persönlich in Berlin anwesend, bringen Leben in das Berlin der Kaiserzeit, diskutieren im Weinlokal an der Potsdamer Brücke, verteilen Unter den Linden mit dem Ruf "Viva il Futurismo!" Flugblätter aus dem offenen, fahrenden Auto, beeindrucken Kunstwelt und -sammler. In Berlin begegnet ihnen Alfred Döblin (1878-1957), der in seinen Romanen wie „Berlin Alexanderplatz“ futuristische Stilelemente aufgreift. Franz Marc (1880-1916), Mitglied des Blauen Reiters, zitiert, im „Sturm“, aus futuristischen Verlautbarungen und stellt dann fest, dass es den Künstlern vorzüglich gelungen sei, Dinge wie "die Macht der Straße, das Leben, den Ehrgeiz, die Angst, die man in der Stadt beobachten kann, das erdrückende Gefühl, das der Lärm verursacht" zu malen. "Carrà, Boccioni und Severini", so Marc, "werden ein Markstein der Geschichte der modernen Malerei sein. Wir werden Italien noch um seine Söhne beneiden und ihre Werke in unseren Galerien aufhängen." Die Ausstellung wandert durch halb Europa. Ziel der Futuristen: Die Beteiligung aller Künste an der Konstruktion einer neuen Ästhetik des Alltäglichen. Die Vergangenheit sollte überholt werden von neuen Formen der Kunstäusserung. Maschinen und Geschwindigkeit, Flugzeuge, Autos und schliesslich auch der Krieg – als Entwicklung zu etwas Neuem, Menschheits-Bewegendem - wurden von den Futuristen vergöttert. Dieses Verständnis steht dem Passativismus, dem Klassizismus gegenüber, wie er im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg in Italien vorherrscht. „Schon zu lange ist Italien ein Markt von Trödlern“ heisst es im ersten Futuristischen Manifest: „Wir wollen es von den unzähligen Museen befreien... Museen: absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig wild mit Farben und Linien entlang der umkämpften Ausstellungswände abschlachten!“
Literatur, Kunst, Musik und Politik
1905 gründet Marinetti die Zeitschrift „Poesia“, eine internationale Zeitschrift für Lyrik, in der vor allem italienische und französische Autoren veröffentlicht werden und die sich am Symbolismus orientiert. 1908 - bei einem Rezitationsabend im damals österreichischen Triest , bei dem er auch seine „Ode an ein Automobil“ vorträgt - bekennt Marinetti sich als Italiener. Hier zeigt sich deutlich – wie auch bei den folgenden Wahlen in Italien - die politische Entwicklung des Futurismus als Pan-Italianismus. Ein neues Menschheitsbild soll entstehen, ausgehend von Italien. „Von Italien aus", schreibt Marinetti am 20.2.1909 im Figaro, "schleudern wir unser Manifest voll mitreißender und zündender Heftigkeit in die Welt, mit dem wir heute den ‚Futurismus' gründen, denn wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien....“ Das Manifest endet mit dem Ausruf: „Aufrecht auf dem Gipfel der Welt, schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu!" Das Manifest wird bei einem von Skandalen begleiteten Auftritt in einem Mailänder Theater auch von italienischen Künstlern wahrgenommen: Umberto Boccioni und Luigi Russolo. War der Futurismus bis jetzt eine Sache der Literaten, so kommen diese beiden nun auf die Idee, dass auch sie Futuristen werden könnten. Gemeinsam mit ihrem Freund Carlo Carrà verfassen sie Ende Februar 1910 ein Manifest, in dem sie "für alles, was jung, neu und voller Leben ist" eintreten, für eine Kunst, die sich "an den greifbaren Wundern des zeitgenössischen Lebens" inspiriert, "an dem eisernen Netz der Geschwindigkeit, das die Erde umspannt, an den Überseedampfern, den Dreadnoughts, den wunderbaren Flügeln, die die Lüfte durchziehen, den von Finsternis umgebenen Unterseebooten und dem angespannten Kampf um die Eroberung des Unbekannten." Die "feige Faulheit", das "ekelerregenden Wiederaufblühen eines blöden Klassizismus", die "Malerei für Rentenempfänger", die "schlampigen und dummen Illustratoren", die "impotenten Sommerfrische-Maler" lehnen sie ab. Das Manifest wird sofort in grosser Auflage verbreitet und in einem Theater in Turin von Boccioni vorgetragen. Im April 1910 entsteht das „Technische Manifest“: „Alles bewegt sich, alles fließt, alles vollzieht sich mit größter Geschwindigkeit“ - heisst es darin: “Eine Figur steht niemals unbeweglich vor uns, sondern sie erscheint und verschwindet unaufhörlich. Durch das Beharren des Bildes auf der Netzhaut vervielfältigen sich die in Bewegung befindlichen Dinge, ändern ihre Form und folgen aufeinander wie Schwingungen im Raum. […] Um eine Figur zu malen, ist es nicht nötig, sie nachzubilden; ihre Atmosphäre muss wiedergegeben werden.“ 1911 wird die erste grosse Futuristenausstellung in Mailand gezeigt. Bilder entstehen mit Titeln wie „Der Strassenlärm durchdringt das Haus“ (Boccioni, 1911), „Geschwindigkeit eines Automobils“ (Giacomo Balla, 1910), „Dynamismus eines Fussballers“ (Boccioni, 1913), „Mädchen, das über einen Balkon läuft“ (Balla, 1912/13), „Bildnerischer Dynamismus der simultanen Bewegungen einer Frau“ (Russolo, 1913). Mit seiner "Urformen"-Skulptur: „Urformen der Bewegung im Raum“ von 1913 versucht Boccioni gleichzeitig die unmittelbare Vergangenheit und die unmittelbare Zukunft einer Bewegung darzustellen sowie das gegenseitige Durchdringen von Objekt und Umgebung, das dabei entsteht. Die Figur zeigt einen Übergang zwischen Mensch und Maschinentechnik. Auch in der Musik findet sich der Futurismus wieder. Luigi Russolo erfindet die "Geräuschmusik" und versucht, die verschiedenen von Maschinen und vom modernen Leben hervorgebrachten Klänge harmonisch und rhythmisch zu ordnen. (Musikbeispiele) Es entsteht eine neue Tanzform, deren Bewegungen denjenigen von Piloten in Flugzeugen nachempfunden ist. Kulissen und Kostüme werden futuristisch gestaltet. Im Futuristischen Theater wird - als Happening - das Publikum miteinbezogen. In „Das Varieté“ von 1913 schreibt Marinetti: „Man muss die Überraschung und die Notwendigkeit zu handeln unter die Zuschauer des Parketts, der Logen und der Galerie tragen. Hier nur ein paar Vorschläge: ... Ein und derselbe Platz wird an zehn Personen verkauft, was Gedrängel, Gezänk und Streit zur Folge hat. – ... Die Sessel werden mit Juck- und Niespulver usw. bestreut.“ 1913 veröffentlicht Marinetti sein Manifest "Zerstörung der Syntax – Drahtlose Phantasie – Befreite Worte". Die Syntax, so Marinetti, muss gesprengt werden: Wenn der Satz in seine einzelnen Bestandteile zerlegt ist, kann das Wort befreit werden. Auf Satzzeichen verzichtet man ganz, oder man ersetzt sie durch Zeichen aus der Musik und der Mathematik. Bevorzugt verwendet man das befreite Substantiv, das Verb im Infinitiv, Lautmalereien. Man soll Substantive zusammenstoßen lassen, weil das schneller und effektiver ist, mit dem Ziel, die Kontinuierlichkeit des Lebens zu vermitteln. Aus einem logischen Gedankenablauf wird eine Folge von Gefühlen oder Bildern. Ähnliches findet sich auch in Döblins Romanen wie „Berlin Alexanderplatz“ wieder. Dass die Futuristen die Überraschung, die Schockwirkung und die Kürze mögen, zeigt sich in Francesco Cangiullos "Detonation" von 1916: Der Vorhang hebt sich. Man sieht eine menschenleere Straße. Eine Minute lang passiert gar nichts. Alles ist totenstill. Dann fällt ein Schuss. Der Vorhang senkt sich.
Neues Menschenbild und Faschismus
1910 erscheint Marinettis Roman „Mafarka“. Darin geht es um Antihumanismus, die Schaffung eines "neuen Menschen" durch seine Verschmelzung mit der Maschine, das Schlachtfeld als einem erotischen Ort, den bedingungslosen Willen zur Macht, die Umwertung aller Werte, die Strukturierung einer Gesellschaft nach militärischen Gesichtspunkten, den Krieg als "Hygiene der Welt", wie es später im ersten Futuristischen Manifest heißt, die gleichzeitige Todesverachtung und das Verliebtsein in den Tod. Es erinnert an Stummfilmepen, an die Filme von Fritz Lang. Es erinnert auch an Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“. Am Ende seines Vorworts zu „Mafarka“ erklärt Marinetti, dass "die Stunde nahe ist, in der Männer mit hohen Schläfen und stählernem Kinn auf wunderbare Weise, mit einer einzigen Anstrengung ihres aus den Augenhöhlen getretenen Willens, unfehlbare Riesen schaffen werden … " Das geht scheinbar nur durch Selbstaufopferung . Der moderne Zentaur, genährt aus "Feuer, Hass, Schnelligkeit", ist offenbar nur als Kampfmaschine denkbar. Damit tritt bei Marinetti bereits der Übermensch der Nationalsozialisten auf. Der Erste Weltkrieg wird von den Futuristen euphorisch begrüsst. 1914 erscheint ihr Manifest „Italienischer Stolz“. Der Krieg ist geprägt von modernster Waffentechnik und für Nachrichtenübermittlung und Transport dienstbar gemachter Technologie. Die von den Futuristen verherrlichte Schnelligkeit triumphiert auf eine Weise, wie auch sie sich das nicht vorgestellt haben. Tausende von Menschen kommen im Krieg um. In Marinettis „Technischem Manifest der Futuristischen Literatur“ heisst es 1912: „Mit Hilfe der Intuition werden wir die scheinbar unbeugsame Feindschaft besiegen, die unser menschliches Fleisch vom Metall der Motoren trennt. Nach dem Reich der Lebewesen beginnt das Reich der Maschinen. Durch Kenntnis und Freundschaft der Materie, von der die Naturwissenschaftler nur die physikalisch-chemischen Reaktionen kennen können, bereiten wir die Schöpfung des MECHANISCHEN MENSCHEN MIT ERSATZTEILEN vor.“ In der grausamen Realität des Krieges richten technisch hochentwickelte Waffen Verwüstungen am menschlichen Körper in einem noch nie erlebten Ausmaß an. Nach dem Krieg schliessen sich diejenigen Überlebenden, die sich noch immer zum Futurismus bekennen, den faschistischen Kampfbünden an. Severini, Balla und Russolo gehören nicht dazu. Boccioni ist 1916 bei einer militärischen Übung gefallen. Spannungen gegenüber den Faschisten treten auf, da Marinetti zwar die Republik, den Parlamentarismus und die liberale Gesellschaftsordnung ablehnt, aber – entgegen der Meinung Mussolinis - für einen von Künstlern regierten Staat ohne Polizei und Gefängnisse eintritt. Dennoch bleiben Marinetti und Mussolini Freunde und Verbündete. 1924 gibt Marinetti den "meinem lieben und großen Freund Benito Mussolini" gewidmeten Sammelband „Futurismo e Fascismo“ heraus. 1929 wird er zum Mitglied der Akademie Italiens ernannt. 1934 wird er mit den Futuristen auf der Biennale in Venedig ausgestellt. In Venedig, von dem er 1909 "kleine, stinkende Kanäle", "lepröse Paläste" und "das von seiner alten Größe abgefallene venezianische Volk“ wahrgenommen hat, „morphiniert von einer ekelerregenden Feigheit und durch die Gewöhnung an seine miesen kleinen Geschäfte erniedrigt". 1909 im ersten „Futuristischen Manifest“ schreibt Marinetti: „Unsere Nachfolger ... werden uns alle lärmend umringen, vor Angst und Bosheit keuchend, und werden sich, durch unsere stolze, unermüdliche Kühnheit erbittert, auf uns stürzen, um uns zu töten, und der Haß, der sie treibt, wird unversöhnlich sein, weil ihre Herzen voll von Liebe und Bewunderung für uns sind. ... Kunst kann nur Heftigkeit, Grausamkeit und Ungerechtigkeit sein. ... Aufrecht auf dem Gipfel der Welt schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu! ...“ 1934 begegnen sich Marinetti – als Ehrengast - und Gottfried Benn – als Redner - bei einem Bankett der Union nationaler Schriftsteller in Berlin. Marinetti hat den Nationalsozialisten den Weg geebnet.
Futurismus Ausstellung 2009 in Berlin
Im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung des Jahres 2009 „Sprachen des Futurismus. Literatur. Malerei. Skulptur. Musik. Theater. Fotografie“ im Martin-Gropius-Bau steht eine Darstellung jenes Gesamtkunstwerks des Futurismus. Nach einer Einführung, die sich an den gravierenden Veränderungen in der Malerei orientiert, die von der historischen Kerngruppe der Futuristen um Boccioni, Balla, Severini, Russolo, Soffici und Carrá vertreten werden, liegt der Schwerpunkt der Ausstellung auf jenen Innovationen, die nach 1916 eine neue und kreative Epoche des Futurismus kennzeichnen. Maler wie Severini, Balla, Depero, Prampolini, Crali, verleihen – mit Unterstützung und Zustimmung Marinettis -, öffnen der künstlerischen Aktion den Weg zu einem experimentellen Umgang mit den Sprachen von Kunst, Poesie, Literatur, Innenarchitektur, Mode, Design, Fotografie und Bühnenbild. In der Ausstellung wird eine Auswahl von Werken gezeigt, die das Gefühl dieser „Ausdehnung“ der ästhetischen Dimension auf das Leben und die „Grenzüberschreitungen“ der verschiedenen künstlerischen Disziplinen darstellen. Die Ausstellung basiert auf der Sammlung des größten Futuristenarchivs, das sich im Museo dÁrte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto befindet. Weitere Informationen unter: www.gropiusbau.de


